Liebe Weingenossinnen und Genossen,
soeben bin ich aus tiefem Schlaf erwacht, nachdem ich gestern auf der Prowein 2011 mein Unwesen getrieben habe. Es folgen einige halbverdaute und brandaktuelle Impressionen von Deutschlands wichtigster Fachbesucher-Weinmesse. Lest noch heute, was andere Euch erst Übermorgen zu berichten imstande sind. Lehnt euch zurück und gewinnt wertvolle Einblicke in das Wesen einer Profimesse, während diese heute und morgen in Düsseldorf noch unvermindert hart anbrandet.
Vorab: Der erste und der letzte Probierschluck, der seinen Weg in meinen goldenen Magen gefunden hat und nicht achtlos in einen Spuckkübel abgeseiert wurde, war Biodyn-Gott Joly’s Coulee de Serrant. Dazwischen waren noch ein paar andere köstliche Impressionen, die meinen Schuckreflex animierten. Aber das meiste habe ich zwar degustiert, aber nicht genossen. Und das hatte Gründe. Ich wollte nicht so enden wie die mit roter Nase und glasigen Augen unrund durch die Gänge staksenden Wein-Zombies, mechanisch von Weinstand zu Weinstand eiernd, hunderte Weine trinkend aber sich am Ende an keinen davon erinnernd. So hielt ich mich an meine eiserne Regel: Keinen Wein vor 15 Uhr!
Wen du auf die Prowein kommst, in die heiligen Hallen des Wein-Olymps, dann musst du einen Plan haben. Einen guten Plan. Sonst gehst du unter in dem Rebsaftmeer, trinkst zweitklassige oder unrepräsentative Weine, und das nur deshalb, weil ein anderer meinte: Eyyy du auch hier, pass auf, den hier musst du uuunbedingt mal probieren! Der Unterschied zwischen dir und ihm: Er probiert sich seit drei Stunden durch die Niederungen spanischer Weinperipherie und wird am Ende eine Doktorarbeit darüber schreiben können. Du aber probierst alles und nichts.
Hier war mein Plan: focus fire auf a) Biodyn, b) Spaniens unbekannte Regionen und Rebsorten c) Schaumwein und speziell Champagner d) and nothing more. Klingt wenig? Klingt komisch? Nun ja, ich hatte “nur” 6 Stunden Zeit – selbst diese drei Punkte waren eine organisatorische Herausforderung.
Hier nun meine Ergebnisse, kurz und knackig, mit der heißen Nadel gestrickt, ebenso beliebig wie lebendig.
Biodyn: Groß angekündigt gab es in der freien Verkostungszone die Gewinnerweine der vor kurzem abgehaltenen “Biofach”. Unter der Überschrift “Können Bioweine mit konventionellen mithalten und gibt es große Unterschiede in der Stilistik?” Wunder oh Wunder, sie konnten mithalten. Ich weiß nicht, was sich die Leute vorstellen. Aber worin bitte soll es bestehen, dieses ominöse stets gleichbleibende ökölogische Störgeräusch bei biologischer Weinerzeugung. Biowein ist eben nicht gleich Spontanvergorener Biodyn-Wein! Und so war er schön knackig und typisch, der Brut Zero Cava für 7,50 EVP. Geiles Teil, hätte ich gleich ein paar Kisten für gelegentliche Aperitifs mitgenommen. Dann gabs ein bißchen Deutschland, was ich gekonnt übergangen habe. Ach nee, da war dieser Odinstal Riesling, gleich neben dem Gewinner-Wein mit großem Gold der Biofach, dessen Name mir entfallen ist. Gute Rieslinge, aber alles andere als Geheimtippmäßig bepreist. Dann war ich noch positiv überrascht, in der Reihe noch einen hochwertigen Bio-Grüner-Veltliner von Jurtschitsch zu finden. Super Veltliner – nicht die Pfefferl-G’schicht, die cremige, voluminöse Art, die mit unseren deutschen GG’s/EG’s durchaus mithalten kann, was die Substanz angeht, nur halt anders in der Aromatik.
Dann war ein bißchen Zeit: Klare Sache: Ein paar Prosecco Spumante DOC’S mussten her. Und ja, man merkt den Qualitätsaufschwung bereits im unteren Preissegment. Prosecco hat mit der neuen Regelung wirklich gewonnen. Und die 1,49 Euro vom LIDL Prosecco Vernichter können schön wieder ins untere Regal zu ihrem Kellergeister Perlwein greifen.
Sauvignon Blanc habe ich keinen getrunken. Wenn, dann hätte ich aber welchen aus der Steiermark oder Südtirol probiert.
Danach vage “nach Spanien” flaniert. Irgendwo musste doch der Stand sein, wo David Schwarzwälder einen Vortrag über die Renaissance als Qualitätsweinbaugebiet Castilla-La Mancha hält. Ach da, eine nette Dame hat uns reingewunken. Und hier kam dann auch schon das erste Highlight der Messe auf uns zu, unbeholfen eingeschenkt von einem der spanischen Lakaien am Wein aus Spanien Promo Stand. Mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrkugelhagels führte Spanien-Experte David, den ich noch aus meiner Studi Zeit aus Geisenheim kannte, durch eine Reihe von hochinteressanten, aber nicht allesamt hochklassigen Weinen.
Aber das war ja genau das Ding: Bei diesem Proweinbesuch wollte ich mit aller Macht ausbrechen aus dem Gefängnis der Gleichmacher-Wein-Industrie. Goodbye Mr. Parker. Ihr kennt die Debatte. Ich wollte leben spüren unter der Oberfläche austauschbarer Massenware. Und es ist mir scheißegal, ob dieser Merlot für 200 Euro aus Pomerol oder Toskana stammt – oder Bulgarien oder Australien oder sonstwoher – schmecken kann man es eh kaum noch.
Zurück zur La Mancha: Neulich noch von einem Petit Verdot aus Südafrika von Raka für 15 Tacken hoch enttäuscht und diese Rebsorte als nicht umsonst außer Mode gekommene Bordeaux-Verschnittrebsorte von anno dazumal abgetan – und dann kommt dieser Teil von Bodegas Ayuso “Finca los Azares” 2005 für lass es 10-12 Euro geschätzter EVP sein und haut mich um. OK, stumpfe Tannine. Aber diese Würze… und dieses Spiel am Gaumen! Star der Probe war jedoch der Syrah von Encomienda de Cervera “Maar de Cervera” 2008 für um die 12 Euro EVP. D. Schwarzwälder wird nicht müde, Cabernet Sauvignon eine generelle Unverträglichkeit im spanischen Weinbau zu bescheinigen, zumindest was dieses hot climate Höhenlagen-Modell angeht wie in Castilla La Mancha. Syrah mit kurzer Veggie-Periode und Hitzeresistenz ist hingegen DAS Pferd, auf das er setzen würde. Ohne Witz, in der Probe waren 3-4 dieser Geschosse vertreten und alle haben auf die eine oder andere Art Eigenständigkeit und großartige Kompatibilität zum hinterher gereichten Manchego-Käse bewiesen.
Aus Gründen thematischer Geschlossenheit ziehe ich noch meinen Pares Balta Messestandbesuch vor: unter @winelaundry ist sie auch bei Twitter zugange, die reizende und kompetente Barbara Siemianiuk. Sie hat uns dieses hochinteressante Familienunternehmen mit Weingütern in Priorat, Ribeira del Duero, Penedes, … nähergebracht – hey das ist normal für spanische Verhältnisse – und uns von der hohen Qualität der Produktpalette überzeugen können. Möge Pares Balta ein weiterhin erfolgreicher Auftritt am deutschen Markt vergönnt sein.
Schon komisch, dass mein obligatorischer Besuch am Grand-Cru-Select Stand meiner ehemaligen Kollegen von WeinArt.de und das damit verbundene Bollinger-Tasting NICHT das Highlight des Tages war. Am Champagner lags jedenfalls nicht. Mein Favorit war wie immer der weiße Grand Annee, wenn auch der Special Cuvee sicher ein noch besseres Preis-Lesitungsverhältnis bietet. Stark auch der Grand Annee Rose 02, dem die knackige Säure und eminente Cremigkeit eine beachtliche Durchschlagskraft bescherte.
Den Mädels in unserer Gruppe geschuldet kam es dann zu einem regelrechten Champagner-Exzess… Thienot, Carnard-Duchene, … und schließlich landeten wir ausgerechnet wegen Champagner auch am Vinaturel.de Stand. Dort erstmal 8-9 Biodyn Cremants und Champagner verkostet. Mein Favorit war hier der “Bulles de Roche” von Domaine de Roches Neuves Cremant de Saumur. 16,50 EVP – gleich mal zuschlagen Leute, sowas habt ihr noch nicht getrunken. Ich meinte zu der Dame: Bitte so urig und unverständlich wie möglich. Mit diesem Teil traf sie dann auch sogleich meinen Geschmack, sehr zum Unverständnis meiner Kolleginnen und Kollegen. Aber ich war ja auf Anti gepolt und auf dieser non-mainstreamigen Mission.
Dann kam es zum Eklat. Inmitten des wohl geilsten Proweinstandes der Messe (Vinaturel), im Schrein des Biodyn, posaunte ein Kollege: Biodyn-Weine, die sind doch alle nur unreifer Apfel, Böckser und sonst nichts. Egal woher das Zeug kommt. Er wurde dann sogleich von der aschefahl gewordenen armen Messedame zum Hühnenhaft anmutenden Olivier Humbrecht vom Elsässer flammend verehrten Super-Riesling-Biodyn-Weingut Zind-Humbrecht weitergeleitet. Dieser sanfte Riese dann ganz im Sinne seiner Mission völlig cool seine ganze Palette präsentiert.
Und schon nach Humbrechts Basis-Riesling “Terroir d’Alsace” war ihm seine Aussage wohl ein bißchen unangenehm. Humbrecht musste niemandem etwas beweisen, und so entflammte ein spannender Spaziergang durch die kräuterüberwucherten altehrwürdigen Streuobstwiesen Elsaß-Lothringens.
Dann war der Coulee de Serrant endlich an der Reihe. Virginie Joly, Tochter der Biodyn-Papstes Nicolas Joly, war so freundlich, den 09er dieses sagenumwobenen Chenin Blancs aus Savennieres zu erklären: Warum 15einhalb? Nunja, wir erleben auch an der Loire diesen Klimawandel, und da wir dennoch dabei bleiben, die physiologische Reife abzuwarten, und der Wein bis zu einem Jahr am Gären ist, kommen dann so hohe Alkoholwerte dabei raus. Meine lieben Leser, so einen Wein trinkt man in seiner Jugend am besten gar nicht, und wenn man doch dazu gezwungen ist, dann bei 14-15°C und genügend Luft. Keine Angst, Biodyn-Weine fallen nicht so leicht auseinander. Ich bin kein Öko-Jünger, aber ich habe dutzendfach erlebt, dass sich solche Weine nach 2-3 Tagen offen im Kühlschrank bestens weiterentwickeln, während die Kaltgärer Reinzuchthefler dann schon überreif und platt sind. Die haben Substanz, sind leicht und wuchtbrummig zugleich und zumindest der 09er CdS dürfte noch 5-12 Jahre Flaschenreife benötigen, um sich von seiner schönsten Seite zu zeigen. Erstaunlich aber, wie er aber mal absolut das Fleisch hatte, diese 15einhalb Volt in die Tasche zu stecken. Er war einfach on top und daher mein Highlight der Prowein.
Es folgte das Übliche: Einen Cognac XXXXXXXO zum Abschluss, zum Taxistand hetzen und dann ab in den Zug. Zug ist bei sowas ganz Pigott-esque eigentlich immer mein Mittel der Wahl, aus nachvollziehbaren Gründen, auch wenn es gar nicht mal so hart zuging, wie ihr an diesem hoffentlich einigermaßen verständlichen Artikel bestimmt sehen könnt.
Bis dahin,
Euer Thommy